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03.11.08 Interview mit STAIGER (Royal Bunker, rap.de)

Marcus Staiger hat die Entwicklung des deutschen Raps maßgeblich beeinflusst. Als Gründer und Chef des Berliner Independent Labels Royal Bunker hat er Künstler wie Kool Savas, EKO, Sido, KIZ und viele andere entdeckt und ihnen den Weg geebnet. Die Philosophie der Berliner Kader-Schmiede war dabei stets „provokant, doppeldeutig und intelligent“ zu bleiben. Leider wurde der Bunker in den Sog des finanziell abwärts rauschenden Musikgeschäfts gerissen und Staiger kündigte für 2008 das Ende der Ära Royal Bunker an. Ein letztes Goldstück soll aber noch das Licht der Welt erblicken... ein Sampler mit den besten Stücken aus dem Bunker. Vormerken Leute! Um Staiger hingegen wurde es trotzdem nicht leise. Er hat den Posten des Chefredakteurs bei einem der größten deutschen HipHop-Portale – rap.de – übernommen. Von dort aus setzt er mit neuem Schwung zum Arschtreten bei Musikindustrie und Rapszene an, wobei seine unverwechselbare offene Art von allen (mit Ausnahme der Betroffenen) sehr geschätzt wird. Auch als Moderator bei Freestyle-Battles nimmt er kein Blatt vor den Mund, was schon so mancher MC bitter zu spüren bekam. Bald wird Staiger wieder in Freiburg zu Gast sein, um das Southwest MC-Battle 08 im Kulturzentrum Z zu hosten. Grund genug, ihm mal ein paar Fragen zu stellen... MK

Bushido hat ja kürzlich seine Biographie veröffentlicht, schreibst du auch schon an deinen Memoiren?

Nein, aber ich schreibe gerade mit Justus an einem Buch, das da heißt: Hip Hop und der ganze andere Scheiß (zum Beispiel das Leben). Das gehört aber eher in die Richtung Ratgeber Bücher. Vielleicht schreibe ich irgendwann mal die ganzen verrückten Geschichten auf, die ich in den 10 Jahren Plattenlabelführung gemacht habe, aber gerade ist es noch ein bisschen zu frisch. Einen kleinen Vorgeschmack gab es ja schon auf der Seite www.royalbunker.de/tourtagebuch.


Viele Rapper und HipHopper meinen sie „fühlen den Scheiß“. Geht dir das auch so?

Ja und Nein. Es gibt definitiv Momente, wo ich denke: Jetzt weiß ich wieder, warum ich in Hip Hop verliebt bin. Immer noch. Es gibt Momente, wo ich merke: Hey, ich bin immer noch ein richtiger Rap-Fan. Insofern. Aber ich weiß ehrlich gesagt nicht, was die ganzen Spinner mit dem Satz sagen wollen. Meistens glaube ich, dass die sich selber fühlen und sich in erster Linie selbst geil finden. Hip Hop und Rap sind da höchstens irgendwelche Vehikel für das eigene Ego.


Als langjähriger Labelchef hast du ja sicherlich einige Demotapes von Nachwuchskünstlern in die Hände bekommen. Gibt es da gewisse Elemente bei denen du dir gedacht hast „Oh nein, nicht schon wieder so einer“?

Ja. Wenn die Worte „Das ist mein Weg“ drin vorkommen. Na klar, mein Freund ist das dein Weg. Welcher denn sonst. Meiner kann’s nicht sein. Ansonsten gehen mir diese schicksalsschweren, schwarzweiß Videos mit den ernsthaft blickenden jungen Männern vor Hochhaussiedlungen auf die Nerven, die da sagen: Wir machen keinen Gangsterrap. Bei uns ist das alles echt. Wir haben es nicht leicht. Das stimmt vielleicht sogar. Es nervt mich trotzdem, weil es einfach ausgelutscht ist. Weil es nichts Neues ist. Weil die einfach nur ein Standardprogramm abspulen. Die könnten ihre Hochhaussiedlungen auch aus irgendeiner Onlinedatenbank ziehen. Die brauchen das nicht immer neu aufnehmen.


Gibt es für Nachwuchskünstler überhaupt noch eine Chance bei den heutigen Umständen – Verkaufzahlen sinken, Labels machen dicht, etc – im Rapgeschäft Fuß zu fassen?

Für jeden Nachwuchskünstler, für jeden wirklich originellen und talentierten Künstler wird es IMMER Chancen geben, Fuß zu fassen. Man muss natürlich ein bisschen aktiver sein und sich auch persönlicher um seine Erscheinung kümmern, aber im Endeffekt sind die Produktionsmittel und die Präsentationsformen Dank des Internets doch eigentlich sehr viel besser als vor 10 Jahren.


Gibt es deswegen so viele junge Rapper die davon überzeugt sind, dass sie die nächsten sind die ganz groß absahnen?

Grundirrtum Nummer 1, das mit dem Geld verdienen. Man sollte das alles machen, weil man sich in gewisser Weise dazu gezwungen fühlt. Wenn es dann viele Leute gibt, die das Ganze auch hören wollen, dann sollte man natürlich auch alles daran setzen, dass es wirtschaftlich erfolgreich wird. Aber man kann nicht davon ausgehen, dass man mit Kunst Geld verdienen kann. Das ist ein großes Glück und ehrlich gesagt ist das nur sehr wenigen Menschen vergönnt. Man sollte auch immer dran denken. Goethe hat zum Beispiel als Lehrer gearbeitet und sich in seiner Freizeit mit seiner Kunst beschäftigt.


Das Musikgeschäft im Allgemeinen und die Rapwelt im Speziellen haben sich mit dem Vormarsch des Internets ziemlich verändert. Zum Positiven oder zum Negativen?

Weder noch. Die Welt hat sich verändert und sie wird sich wieder verändern. So ist das mit der Welt. Wir müssen damit klar kommen.


Was geht dir denn so durch den Kopf wenn du an die alten Tapes mit Sido denkst und ihn jetzt bei Popstars in der Jury sitzen siehst?


Nichts. Ich habe keinen Fernseher und deshalb sehe ich ihn da nicht sitzen. Manchmal, wenn ich ihn so sehe in Interviews, wenn ich das mit kriege, dann denke ich mir, dass er auf jeden Fall noch den selben, alten Bunker Humor hat, den wir damals alles hatten. Immer auf die Fresse und sich selber immer schön mitverarschen.


Deutschrap hat ja - etwas vereinfacht gesagt – verschiedene Stilphasen durchgemacht: Rucksack-Rap, Battle-Rap, Gangsta-Rap, Abgeh-Rap... was gefällt dir denn so am besten und welche Weiterentwicklung würdest du dir für die Zukunft wünschen?


Ich bin ein großer Fan von guten Sprachbildern und interessanten Rhythmen. Bei mir muss es immer Punchlines haben und der Rapper muss authentisch klingen. Sprich, ich mag keine verstellen Stimmen. Übrigens müssen auch deepe Tracks Punchlines haben. Es muss immer diesen Effekt im Kopf geben, dass man die Bilder sieht und dass der Rapper auf den Punkt kommt und es richtig klick macht im Kopf. Nichts ist schlimmer als assoziatives vor sich hin Gebrabbel. Das ist wirklich scheiße.


Obwohl du 2005 angekündigt hast keine Battles mehr moderieren zu wollen hast du dich ja glücklicherweise anders entschieden. Was reizt dich so am hosten?

Ich mache das nur noch für Freiburg. (stimmt nicht ganz). – Ach Battles sind was Spezielles. Für mich ist das die Quintessenz von Rap. 1 gegen 1. Der direkte Vergleich und die Emotionen. Es ist so ein bisschen wie bei einer Schlägerei. Irgendwie ist es grausam, aber gleichzeitig auch faszinierend. Das finde ich gut.


Mit welchen Erwartungen gehst du in das Southwest MC-Battle 08 in Freiburg?

Ich hoffe, dass es wieder so erfolgreich wird wie vor 2 Jahren und dass wir eine Menge Spaß haben. Ich wünsche mir, dass die Leute sich gut drauf vorbereiten und einfach richtig trainieren, um sich gegenseitig wegzuboxen. Du kannst auch nicht unvorbereitet in einen Ring zum Kämpfen steigen. Das heißt, kann man schon, aber wenn beide mies sind, dann ist der Kampf unattraktiv und wenn nur einer gut vorbereitet ist, dann wird er vom anderen kaputt gemacht. So ist das auch beim Rappen.


Na dann bis bald und vielen Dank für das Interview.

Tipp: Staiger moderiert das Southwest MC-Battle 08 am Sa. 15.11. im Kulturzentrum Z, Freiburg


Dieses Interview könnt ihr auch in der November-Ausgabe des subculture Magazins lesen...